Biblische Interpretation

Basis allen Dreikönigskultes ist der Bericht im Matthäus-Evangelium Köln 2,1-12: Aus dem Land der aufgehenden Sonne kommen Magier nach Jerusalem, um den „neugeborenen König der Juden“ zu suchen und anzubeten. Weil sie seinen Stern haben aufgehen sehen, sind sie gekommen.

Als der regierende König der Juden, Herodes, von den Magiern und ihren Absichten erfährt, ruft er den Kronrat zusammen und fragt, wo der Messias geboren werden soll. Unter Hinweis auf Micha 5,1: „Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen“, antworten die Schriftgelehrten und Priester. Das Matthäus-Evangelium bildet diese Aussage aus Micha 5,1 und 2 Sam 5,2 nach. Herodes forscht die Magier heimlich aus, und er schickt sie nach Betlehem mit dem Auftrag, ihm den Fundort des Messias zu melden, damit auch er das Kind anbeten könne. Der Stern zieht vor den Magiern her und bleibt in Betlehem über dem Ort stehen, wo sich das Kind befindet. Die Magier huldigen dem Kind, beschenken es und ziehen auf einem anderen Weg zurück in ihre Heimat – ohne mit Herodes wieder Kontakt aufzunehmen.

Jerusalem und Betlehem


Diese biblische Erzählung hat zwei Teile. Der erste spielt in Jerusalem (1–8), der zweite in Betlehem (9–12). Beide Teile werden durch die Wanderschaft und die Ankunft der Magier eingeleitet. Verbunden sind beide Teile durch den Stern (2,9) und die geplante bzw. vollzogene Huldigung (1,11), in Spannung gesetzt durch König Herodes (8). Gespannte Verhältnisse gibt es in dieser Erzählung gleich zweifach: zwischen dem Messias (2) und Herodes (3) und zwischen den Magiern und Herodes, dessen eigentliche Absicht, den Aufenthaltsort des Messias zu erfahren, um ihn dann zu töten, hier durchscheint.

Der Evangelist Matthäus hinterleuchtet seine Magiererzählung durch drei tradierte Motive: Der Aufgang des Sterns und die Völkerwallfahrt zum Sionsberg sind alttestamentlich fundiert; die Erzählung vom bedrohten Königskind findet sich in der Antike (z. B. Kyros, Romulus und Remus, Augustus, Nero usw.) und drang auch in die jüdische Vorstellungswelt ein.

Die wie beiläufig dastehende Erklärung, das Ganze habe sich in „Betlehem in Judäa“ (2,1) abgespielt, scheint weniger zum Zweck der Unterscheidung von dem gleichnamigen Ort im Gebiet Sebulon dort zu stehen. Der in Mt 1,1 als „Sohn Abrahams“ bezeichnete Messias wird in dem Ort geboren, den die Schriftgelehrten des Herodes als Geburtsort des Messias bezeichnen (2,5.6).

Die bei Matthäus als „magoi“ Bezeichneten erschienen den zeitgenössischen Juden als schillernd und ambivalent: Einerseits galten sie als Zauberer, Wahrsager, Hexer, Gaukler und Betrüger, andererseits als gelehrte Priester, die sich auf Stern- und Traumdeuterei verstanden. Das Alte Testament kannte magoi vorwiegend als Ratgeber feindlicher Fürsten, aber Jahwe konnte sie auch in seinen Dienst stellen, wie die Erzählung von Bileam zeigt (vgl. Num 22,5–24,25), in der sich ein Esel klüger als sein Herr erweist. Der Herkunftshinweis „aus dem Osten“ oder „aus dem Morgenland“, genauer „von den Sonnen-Aufgängen“, lässt in der Schwebe, woher die Magier kamen: aus Arabien, Persien oder Babylon. Für Arabien sprechen die Geschenke Weihrauch und Myrrhe, für Persien und Babylon, dass es dort eben jene sternenkundigen Priester gab. Die Fachwelt neigt heute eher zu einer Herkunft aus Babylon, weil dort die messianische Hoffnung Israels durch das Exil der Juden bekannt war.

Der König der Juden


Die Magier suchen nach dem „König der Juden“; so wird Jesus nur noch während der Passion bezeichnet, und wiederum von Heiden, nämlich von Pilatus, den römischen Soldaten und dem von ihnen hergestellten Kreuzestitel „INRI“ (= Jesus von Nazareth, König der Juden). Die Bezeichnung „Jude“ war unter Juden nicht gebräuchlich. Von den Magiern wird der Titel „König der Juden“ benutzt, um aus heidnischer Sicht die umfassende messianische Hoffnung der Israeliten zu kennzeichnen.

Den Magiern war der Aufgang des Sterns des Messias Grund zu ihrer Reise nach Jerusalem. Der neue Stern, den die Magier deuten, mag zunächst für das Denken der Antike stehen, die glaubte, dass für jeden Menschen bei seiner Geburt ein Stern aufgeht, der mit dem Tod dieses Menschen auch wieder verlöscht. Hintergrundfolie für diese Textpassage (Mt 2,2b) dürfte aber eher noch die uralte Weissagung Bileams sein: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel“ (Num 24,17). Mag sich die Prophetie Bileams in seiner Zeit auf David bezogen haben, galt sie in der Zeit Jesu für den Messias.

Während die Kirchenväter den Stern von Betlehem als Wunderstern deuteten, Ignatius eher als einen realen, Chrysostomus dagegen als irrealen Stern, hat die Neuzeit die Realität eines solchen Phänomens beweisen wollen. Johannes Kepler (1571–1630) berechnete zuerst, dass etwa 7–6 vor Christus eine Konjunktion der Planeten, Jupiter, Saturn und Mars stattfand. Er vermutete aber, dass noch ein weiterer Stern hinzugekommen sein muss, der lange Zeit hell leuchtete. Der Beweis hierzu wurde im 19. Jahrhundert gefunden: Chinesische Schriften nennen einen solchen Stern für das Jahr 4 vor Christus. Neben den inzwischen verworfenen Theorien von einem Kometen oder einer Supernova gilt heute die Planetenkonjugation in Verbindung mit einem zeitweise sichtbaren neuen Stern als wahrscheinlich.

Herodes in Angst


In Vers 3 wird Herodes als Gegenspieler des Messias eingeführt. Der 40 vor Christus von Rom als König eingesetzte Herodes galt als skrupelloser Machtmensch, der zum Erhalt seiner Herrschaft jedes Mittel einzusetzen bereit war. Der Hinweis, „ganz Jerusalem“ habe sich mit Herodes geängstigt, hat seine Berechtigung wohl kaum in der Sympathie des Volkes mit dem ungeliebten König. Eher klingt in dieser einmütigen Feindschaft des jüdischen Volkes bei der Geburt des Messias dessen spätere Ablehnung schon mit. Eine gewisse Komik besteht darin, dass die jüdische Ablehnung des Messias nur Sinn macht, wenn man zuvor die von heidnischen Magiern vermittelte Botschaft des Sterns glaubt. Dieser Textpassage ist das primär theologische Interesse anzumerken: Nicht die Historie, sondern theologische Deutung lenkt den Autor.

Alle Hohepriester und Schriftgelehrten werden durch Herodes befragt, wo der Messias geboren werden soll. Der Kontrahent des Messias befragt also jene, die bis zum Lebensende Jesu seine Gegner und Verfolger bleiben werden. Und ausgerechnet aus ihrem Mund kommt die richtige Antwort: Betlehem. In der Wissenschaft ist heute umstritten, ob Betlehem historisch der wirkliche Geburtsort Jesu ist oder ob er aus theologischen Gründen (= Stadt Davids, Lk 2,4) hier genannt wird.

Herodes befragt die Magier heimlich – wohl weniger, um diese zu schützen, sondern eher um sich allein Erkenntnisse zu verschaffen. Hinzu kommt sicherlich die Abneigung der Schriftgelehrten, sich mit Magie und Astrologie zu beschäftigen.

Der Stern von Betlehem


Mit der zweiten Erwähnung des Sterns geht sein Bedeutungswandel einher: Er wird nun zum Leitstern und führt die Magier durch die Nacht zum Geburtsort Jesu, einem Haus in Betlehem. Da die Magier durch Herodes wussten, wohin sie ihr Weg führen musste, war das Weggeleit des Sterns eigentlich überflüssig. Aber der Stern versinnbildlicht Gottes Führung. Der Stillstand des Sterns über dem Geburtsort Jesu spiegelt sich wider im Ewigen Licht beim Tabernakel. Und die göttliche Sternenführerschaft hat ein im ursprünglichen Wortsinn leuchtendes Vorbild in der Feuersäule (z. B. Ex 13,21), die dem pilgernden Gottesvolk in der Wüste vorauszieht. In der Erzählung von den Magiern in Betlehem kommt der Pflegevater Jesu, Joseph, nicht einmal am Rande vor, wohin ihn jahrhundertelang die Künstler in Bild und Plastik verbannten. Dass die Magier nur „das Kind und seine Mutter“ vorfinden, hat wieder theologische Gründe: Gottesherrschaft und Jungfrauengeburt lassen sich so thematisieren und geben Grund zu „sehr großer Freude“ und zur Prostration (in der Liturgie später: Proskynesis, der Kniebeuge), dem körperlichen Ausdruck der völligen Unterwerfung durch das sich Niederwerfen und die Berührung des Bodens mit der Stirn. Indem sich der Mensch „in den Staub“ wirft, sich der Erde angleicht, seine Größe auf ein Fast-Nichts reduziert, anerkennt er die Übermächtigkeit Gottes.

Die kostbaren Schätze der Magier haben seit je die Phantasie beflügelt. Gold galt natürlich schon in der Antike als grenzüberschreitendes Zahlungsmittel jenseits von nationalen Währungen. Dieses Edelmetall war nur den Reichen und Mächtigen verfügbar, geradezu Erkennungszeichen für weltliche Herrschaft. Weihrauch, der auch heute noch überwiegend vom Süden der arabischen Halbinsel kommt, vor allem aus dem Jemen, das mit dem antiken Saba identifiziert wird, besteht aus dem getrockneten Harz zweier Arten des Boswelliabaumes. Weihrauch verweist auf die Göttlichkeit des Beschenkten.

Myrrhe ist ein bitter schmeckender, wohlriechender Saft, der aus der Rinde einer Art des Balsambaumes rinnt. Weil die Myrrhe zum konservieren von Leichen verwandt wurde, weist sie als Geschenk auf den Tod des Beschenkten hin.

Die allegorische Auslegung dieser drei Geschenke taucht bereits bei Origenes (um 185–254) auf: Gold stehe für die Königswürde, Weihrauch für die Gottheit, Myrrhe für den Tod. Aus der Dreizahl der Geschenke schlossen die Menschen außerdem auf die Dreizahl der Magier.

Theologische Deutung


Die bibelkundigen Christen der Frühzeit lasen die Angaben des Matthäus-Evangeliums auf der alttestamentlichen Hintergrundfolie. Dabei erinnerten sie sich besonders zweier Textpassagen, die sich auf den Messias beziehen: „Alle von Saba kommen, Gold und Weihrauch tragen sie und verkünden die Ruhmestaten Jahwes“ (Is 60,6) und „Die Könige von Tarsis und die Inseln sollen Geschenke bringen, die Könige von Scheba und Saba Tribut entrichten. Ja, ihm sollen huldigen alle Könige, alle Völker ihm dienen“ (Ps 72,10f). Vor allem von der letzten Textpassage wird vermutet, dass sie der Auslöser für die Umdeutung der Magier in Könige gewesen sei.

Im Traum nehmen die Magier wahr, dass Gott ihnen gebietet, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren (Mt 12). Sie reisen auf anderem Weg nach Hause. Dank der dadurch entstandenen zeitlichen Verzögerug der Mord-Aktion des Herodes gegen die Neugeborenen, von der Matthäus berichtet (Mt 2,16–18), kann die Heilige Familie nach Ägypten fliehen (Mt 2,13–15). Gottes Sohn, so will die Heilige Schrift verstanden werden, kommt nicht nur als hilfloses und zuwendungsbedürftiges Kind in diese Welt und zu uns, indem sich Gott in der Gestalt seiner Schöpfung vergegenwärtigt und zugleich erniedrigt – Gott muss sich auch schon kurz nach seiner Geburt mörderischer Verfolgung entziehen.

Christologische Botschaft


Die biblische Erzählung von den drei Magiern (auch: Dreikönigsperikope) hat eine zentrale christologische Botschaft: Der Messias wird als das Heil aller Völker vorgestellt, der zu dem geworden ist, was wir sind. Sein Weg führt in Abhängigkeit, Armut und – vermeintliche – Machtlosigkeit. Der Sohn Gottes kam in sein Eigentum, aber die Seinen haben ihn nicht erkannt. Nicht die jüdische Oberschicht anerkennt den Messias, sondern nur die Hirten, als Vertreter der jüdischen Unterschicht, nehmen seine Geburt staunend war. Nichtjuden, Heiden kommen aus der Ferne, um Gottes Sohn anzubeten. In ihnen spiegeln sich die Christen, die sich im Laufe von Jahrhunderten zu Jesus Christus bekennen. In der Pilgerschaft zu Christus hin zeigt sich bildhaft christliches Leben als lebenslange Pilgerschaft hin zu Gott. Die Wallfahrt als Symbol der lebenslangen Christusnachfolge findet in den Drei Königen ihre ersten und wichtigsten Patrone.

Die Dreikönigsperikope kann bloß historisch betrachtet werden, verlangt aber nach theologischer Deutung. Tragendes Element des Textes ist das Weggeleit des Sterns. Bereits Chrysostomus (um 354–407) hat eine ganz spezielle Deutung des Sterns von Betlehem vorgeschlagen, als er schrieb: „Der Stern blieb nicht in der Höhe und zeigte von da aus den Ort, sonst hätten ihn ja die Magier auch gar nicht erkennen können. Nein, er kam zu diesem Zweck herab in die Tiefe... Siehst du, ... dass dies kein gewöhnlicher Stern war, und dass er sich nicht den Gesetzen der sichtbaren Schöpfung unterworfen zeigte?“

boni kids zum Dreikönigsfest