Legendarische und literarische Interpretation

Goethe, der es ja wissen muss, schrieb fasziniert am 22. Oktober 1819 an seinen Freund Sulpiz Boisserée: „Mag es sein, dass die Überraschung dieses Fundes mich dafür einnimmt; Geschichte, Überlieferung, Mögliches, Unwahrscheinliches, Fabelhaftes mit Natürlichem, Wahrscheinlichem, Wirklichem bis zur letzten und individuellsten Schilderung zusammengeschmolzen, entwaffnet wie ein Märchen alle Kritik. Genug, ich meine nicht, dass irgend etwas Anmuthigeres und Zierlicheres dieser Art mir in die Hände gekommen wäre. ... Ich wüsste kein Volksbuch, neben dem dieses Büchlein nicht stehen könnte.“ Und, er wäre nicht der große Goethe, hätte er nicht gleich die Publikumswirksamkeit des Stoffes gesehen: „Drei ernste Könige mit Gefolg’ und Schätzen nach Belieben, herrliche Mutter und Kind mit ärmlicher Umgebung, fromme tüchtige Ritter, elftausend hübsche Mädchen – das ist doch ein Element, worin der Künstler sich ergehen und fromm mit den Fröhlichen sein kann.“ Abgesehen von den elftausend hübschen Mädchen, die ein Schmecklecker wie der Herr von Goethe natürlich nicht außen vor lassen konnte, bezog er sich auf die Dreikönigslegende „Historia Trium Regum“ des Johannes von Hildesheim (siehe Kapitel „Quellen“). 1364 zur 200-Jahr-Feier der Translation der Heiligen Drei Könige nach Köln auf Anregung von Bischof Florentius von Wevelinghoven erschienen, prägte diese phantasievolle, detailreiche und ausschweifend erzählende Legende das ganze Mittelalter. Sie wiederum wurde der „Legenda aurea“ zum Vorbild, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Dominikaner Jacobus de Voragine, späterer Erzbischof von Genua, zuerst lateinisch abfasste. Sie ordnete die Heiligen nach dem Kirchenjahr ein und prägte das legendarische Wissen der Katholiken bis in das 20. Jahrhundert.

Johannes von Hildesheim erweitert in seiner Dreikönigsgeschichte die bekannten legendarischen Elemente um geographische und historische Angaben aus zum Teil phantastischen Pilger- und Reiseberichten. Die Magier, Könige in drei verschiedenen Indien, kannten sich nicht, als sie durch einen Stern nach Jerusalem geführt wurden. Hier trafen sie erst aufeinander und zogen gemeinsam nach Betlehem. Es geschah, was die Bibel berichtet. Dann aber gerät Johannes von Hildesheim ins Fabulieren. Die Könige zogen nach Hause, werden später vom Apostel Thomas getauft und zu Erzbischöfen geweiht und sterben kurz hintereinander: Melchior mit 116 Jahren, Balthasar im 112. Lebensjahr und Caspar im Alter von 109 Jahren. Helena findet später ihre Reliquien in Jerusalem und bringt sie nach Konstantinopel, von wo sie den Weg nach Mailand finden.

Verbunden ist die phantasievolle Erzählung des Karmeliters mit den im Mittelalter vagabundierenden Ideen eines „Priester Johannes“ und der „Thomas-Christen“ in Indien.

Dreizahl, Namen, Mohr


Unter Fortlassung der beiden letztgenannten Motive und unter Abstrichen anderer Übertreibungen des Johannes von Hildesheim arbeitet die „Legenda aurea“, die – zumindest als literarisches Konzentrat – noch heute erzählt wird.

Origenes (ca. 185–255) spricht erstmals von der Dreizahl der Magier, deren Zahl er an der Zahl der Geschenke abliest. Unter Hinweis auf Ps 72,10 und Is 60,3 nennt Tertullian (ca. 160–225) die Magier „Könige“. Als im 6. Jahrhundert eine alexandrinische Schrift ins Lateinische übersetzt wird, tauchen erstmals die Namen Bithisarea, Melichior und Gathaspa auf. Im griechischen Sprachraum wird daraus: Galgalat, Magalat und Sacharin, im hebräischen Sprachraum angeblich: Appelius, Amarius und Damascus. Die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar tauchen im 6. Jahrhundert auf italienischen Mosaiken auf und sind seit dem 9. Jahrhundert Allgemeingut.

„Mohr“. Seit dem 14. Jahrhundert ist Melchior überwiegend der Mohrenkönig – allerdings scheint sich die Christenheit in dieser Frage nicht völlig einig zu sein.

Wenn die Festlegung der Magier oder Könige auf die Zahl Drei bereits ab dem 3. Jahrhundert erfolgte, haben nicht nur Katakomben und Sargreliefs andere Zahlen genannt. Auch der Kölner Dreikönigenschrein zeigt einen vierten König, der sich respektvoll hinter den Heiligen Drei Königen hält. In der Literatur wird der Vierte König zu einem eigenen Genre, zu einer Person, die den Heiligen Drei Königen nacheifert, aber dem Leser als Vorbild vorgestellt wird, wie er selber sein soll, wenn er das Beispiel dieser Figur umsetzen möchte. Bleibt die noch recht unerforschte italienische Dreikönigshexe Befana (verballhornt von „Epiphanie“), manchmal ergänzt durch einen Befano, nur sehr oberflächlich auf der Suche nach dem Christkind und beschenkt – vorsichtshalber – jedes brave Kind, denn es könnte ja das Christkind sein, so geraten andere vierte Könige viel tiefsinniger, selbst wenn sie, wie bei Borchert, verfremdet werden.

Das literarische Motiv eines vierten Königs nimmt den Leser und Hörer der Jetzt-Zeit in die Geschichte hinein und fragt: Wie hättest du dich verhalten? Lässt du dich von einem Stern führen und –wenn ja – von welchem und wohin? Und die Legende fragt: Was investierst du an Mühe und Zeit, den Erlöser zu erkennen? Erkennst du ihn auch, wenn er nicht deinem selbstgemachten Klischee entspricht?

Die Legenden haben eine kaum zu überschätzende Wirkungsgeschichte. Die Verehrung der Heiligen in Köln und andernorts, das gesamte Brauchtum bis hin zum bereits im Mittelalter verweltlichten Bohnenkönig sind Folgen der Legenden, die Voraussetzung der Bräuche waren. Ob Patron der Kaiser und Könige oder Namen von Hospizen – die Heiligen Drei Könige sind tief in den Alltag der Menschen eingedrungen und in unübersehbarer Weise prägend geworden.

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